ZWISCHEN PFLICHT UND WAGNIS
IMMANUEL KANT & SØREN KIERKEGAARD
Was gibt unserem Handeln Halt — und was unserem Leben Sinn? Vor der Kulisse von Il Borgo di Odina, einem herrlichen Landgut inmitten der florentinischen Toskana, widmen wir uns in der Sommerakademie 2027 dem spannungsvollen Dialog zweier Denker, die das moderne Selbstverständnis geprägt haben wie kaum andere.
Immanuel Kant — Die Logik der Moral
In einer Immanuel-Kant-Welt könnte man sein Fahrrad unabgesperrt und seine Haustür offen lassen. Es wären weder Zäune noch Kameras nötig. Menschengemachtes Leid gäbe es nicht und ebensowenig Betrug, falsche Versprechen, Ausbeutung und Krieg. Überhaupt nichts von dem, was wir an mehr oder weniger Grauenhaftem gemeinhin aufzubieten haben. Allein die bloße Vorstellung ist eine Wohltat in einer Welt, die einmal mehr am Abgrund steht. Doch was ist das Geheimnis dieser geradezu verführerischen Utopie? Entlang der wohl wichtigsten Schrift Kants auf diesem Gebiet, der "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten", wird sich uns die Logik der Moral offenbaren: die Vorstellung eines guten Willens, der kategorische Imperativ, das Prinzip der Autonomie, die Gemeinschaft der Vernünftigen und die Würde des Menschen.
Søren Kierkegaard — Die Anatomie der Subjektivität
Für Søren Kierkegaard ist der Einzelne alles, das Ganze hingegen nichts. Im Ganzen muss sich der Einzelne auflösen, sich selbst verlieren, während er doch eigentlich dazu bestimmt ist, er selbst zu werden. Aus diesem tiefen Unbehagen heraus entwirft Kierkegaard seine Philosophie der Verzweiflung als eine Philosophie des Einzelnen: die Rückholung des Menschen aus dem Nichts der Allgemeinheit in seine eigentliche Existenz – der Existenz als ein Einzelner, als ein Individuum, als einer Abweichung von der Norm. Der Gravitationspunkt des kierkegaardschen Denkens liegt daher allein in der Frage, was es heißt, zu existieren. Hinter der Maske der Ironie des Sokrates versteckt, die Paradoxie zwischen dem Allgemeinheitscharackter der Sprache und dem Singular der Adressaten überwindend, macht sich Kierkegaard, einer Hebamme gleich, auf, den Menschen in die Wahrheit über sein Schikasal hinein zu lügen.