ZWISCHEN PFLICHT UND SELBSTSORGE
IMMANUEL KANT & MICHEL FOUCAULT
Vor der Kulisse von Il Borgo di Odina, einem herrlichen Landgut inmitten der florentinischen Toskana, widmen wir uns in der Sommerakademie 2027 dem spannungsvollen Dialog zweier Denker, die das moderne Selbstverständnis geprägt haben wie kaum andere.
Immanuel Kant — Die Logik der Moral
In einer Immanuel-Kant-Welt könnte man sein Fahrrad unabgesperrt und seine Haustür offen lassen. Es wären weder Zäune noch Kameras nötig. Menschengemachtes Leid gäbe es nicht und ebensowenig Betrug, falsche Versprechen, Ausbeutung und Krieg. Überhaupt nichts von dem, was wir an mehr oder weniger Grauenhaftem gemeinhin aufzubieten haben. Allein die bloße Vorstellung ist eine Wohltat in einer Welt, die einmal mehr am Abgrund steht. Doch was ist das Geheimnis dieser geradezu verführerischen Utopie? Entlang der wohl wichtigsten Schrift Kants auf diesem Gebiet, der "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten", wird sich uns die Logik der Moral offenbaren: die Vorstellung eines guten Willens, der kategorische Imperativ, das Prinzip der Autonomie, die Gemeinschaft der Vernünftigen und die Würde des Menschen.
Michel Foucault — Das konstruierte Subjekt
Das facettenreiche Gesamtwerk von Michel Foucault lässt sich als eine radikale Geschichte der Gegenwart verstehen, die festgefahrene Gewissheiten der Moderne systematisch erschüttert. In seinen Studien legt er die Brüche, Ausschlüsse und Machtmechanismen frei, die unsere heutigen Institutionen und Normen formen und unser aller Leben fundamental gestalten. Methodisch bewegt sich sein Schaffen zwischen der „Archäologie“, die die unbewussten Regeln des Wissens freilegt, und der „Genealogie“, die den Ursprung von Machtbeziehungen untersucht. Foucault zeigt, dass Macht und Wissen untrennbar verwoben sind und das moderne Subjekt überhaupt erst hervorbringen. In seinem Spätwerk erweitert er diese Analyse um eine faszinierende Dimension: die „Ethik des Selbst“. Hier untersucht er, wie Individuen durch die bewusste Sorge um sich selbst und durch „Selbsttechnologien“ ästhetische und autonome Lebensformen jenseits staatlicher und gesellschaftlicher Disziplinierung gestalten können.