Die soziale Ordnung einer Gesellschaft und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Positionen ihrer Mitglieder, in die sie eingebettet sind, ist kein Ausdruck natürlicher Unterschiede der Individuen, sondern Ausdruck der Ungleichverteilung von Kapital. Diese Ungleichverteilung wiederum ist nicht Ausdruck von Leistung oder Können, sondern der Ausdruck von Verteilungskämpfen vor dem Hintergrund historischer Zufälligkeit. Kapital — womit ökonomisches Kapital (Geld, Produktionsmittel ect.), Kulturkapital (intellektuelle Güter, kulturelle Güter, Titel und Auszeichnungen) sowie Sozialkapital (dauerhaftes Netzwerk von Beziehungen) gleichermaßen gemeint sind — wird auf diese Weise zur Determinante, die die gesellschaftliche Position des Einzelnen im sozialen Raum formt. Eine Bestimmung, die sich als Habitus artikuliert: als ein sich relativ zur jeweiligen Position entfaltendes System dauerhafter und übertragbarer Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen, das als generatives Schema das Leben eines Menschen —seiner Position gemäß —bestimmt. Insofern ist das je eigene Denken, Wahrnehmen und Handeln nicht in einer Weise frei, wie uns das gemeinhin scheint, sondern abhängig von dem Platz, den wir entlang der Kapitalachsen im sozialen Raum einzunehmen „gezwungen“ sind.
Das jedenfalls behauptet Pierre Bourdieu, einer der bedeutendsten Sozialphilosophen und Soziologen des 20. Jahrhunderts. Am vergangenen Wochenende haben wir uns im Rahmen der "Philosophischen Perspektiven" mit seiner Habitustheorie auseinandergesetzt.