Künstliche Intelligenz und Superdummheit

2026-09-24 06:40:00 / Allgemeines
Künstliche Intelligenz und Superdummheit -
2020 haben wir im Rahmen eines Kolloquiums an der School of Philosophy zum Thema „Sprache und Denken“ postuliert, dass die Atrophie der Sprache, wie sie in modernen Smartphone- und Social-Media-Gesellschaften unaufhörlich voranschreitet, sukzessive zu einer Atrophie der Denkfähigkeit führt, denn Sprache und Denken bilden weithin eine Einheit. Das hat der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz lange vor Humboldt nachdrücklich betont.

Heute zeigen sich HirnforscherInnen alarmiert. Die IQ-Werte nehmen weltweit in einem rasanten Tempo ab. Simone Rossi etwa, der an der Universität Siena zur Plastizität des Hirns forscht – vereinfacht gesagt, zu dessen Fähigkeit, durch Lernen seine Struktur zu verändern, um komplexer zu denken –, meint sinngemäß: Es gibt für diese Abnahme keine eindeutige Erklärung, aber die wahrscheinlichste ist, dass unsere sprachlichen Fähigkeiten abnehmen. Weil die Zahl der Wörter, mit denen wir kommunizieren, geringer wird und so die Neuronen weniger komplexe Netzwerke bilden.

Für den Max-Planck-Forscher Falk Huettig wiederum zeigt sich der Negativtrend entlang der Lektürefähigkeit: „Immer simplere Texte führen zu einem simpleren Denken.“

Der deutsche Harvard-Professor für Literatur Martin Puchner endlich resümiert mit Blick auf seine StudentInnen: Die Veränderungen sind heute tiefgreifender als alles zuvor. Man sieht sich gezwungen kürzere Texte zu behandeln oder Romane nur noch in Auszügen zu lesen. Viele Erstsemester haben kaum noch Leseerfahrung.

Weil mit der Revolution der künstlichen Intelligenz nicht nur das Lesen, sondern auch sein Zwilling, das Schreiben, bedroht ist, wird sich der Verfall der Denkfähigkeit weiter beschleunigen, denn „Schreiben ist denken“, so Puchner.

So manches deutet schon heute daraufhin, was uns blühen könnte: Während eine Handvoll mächtiger Akteure an der Superintelligenz bastelt und uns unter dem Deckmantel der Effizienz-, Produktivitäts- und Gewinnmaximierung dazu verführt, alles Denken an ihre Maschinen auszulagern, steuern wir selbst in Richtung Superdummheit: Unfähig selbst einfachste Zusammenhänge zu erfassen, zu reflektieren und sich diesbezüglich gedeihlich zu äußern.

Da klingt die Auffassung Leibnizens wie eine Mahnung an die Moderne: „Zur Erkenntnisbemühung des Einzelnen muss die Sprachpflege in der Gemeinschaft hinzutreten. Nur so ist eine Steigerung der Ausdrucksfähigkeit und damit zugleich der Erkenntnisfähigkeit möglich, und nur so lassen sich Verstand und Gelehrsamkeit, Wissenschaft und gemeine Wohlfahrt, ja Moralität und Freiheit befördern.“

Vom 05.02.-07.02.207 diskutieren wir im Rahmen unserer Reihe "Vom Zustand der Welt" über unseren Sklavendienst an der Moderne und über die Frage nach dem Standpunkt des Menschen in einer technikvollen Welt. Details & Anmeldung ☞☞

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